Fördergerüste im Ruhrgebiet | Schachtanlagen | Zeche | Bergwerk | Schachtanlage | Grube | Pütt | Fördergerüst | Schachtgerüst | Steinkohle | Ruhrpott | Zechen | Schacht | Ruhrrevier | Revier | Kohle | Förderturm | Aufbereitung | Grube | Bergbau

Gerüstarten:

Aufgrund der Vielzahl an verschiedenen Ausführungen werde ich hier nur auf die gängigsten, oder aber auf die für mich besonders interessanten, Fördergerüste eingehen. Ich versuche hiermit eine gewisse Ordnung in die Entwicklung der Fördergerüste in Deutschland zu bringen, sowie eine verständliche Übersicht dieser zu geben.

Göpel:
   
  Das Pferdegöpel ist im eigentlichen Sinn kein Fördergerüst, aber der erste Schritt zu einer mechanischen Förderung
     
Fachwerkbauweise:
   
Bockgerüste:
 
Englischer Bock (Bockgerüst):
Eingeschossiges Einstrebengerüst in verschiedenen Bauformen. Diese Bauarten wurden in Holz (bis zu einer Höhe von ca. 20m) später aber dann auch in Stahl ausgeführt. Dieser Übergang zum neuen Baustoff Stahl (Eisen) erfolgte zuerst aber nicht aus Festigkeitsgründen, sondern aus rein praktischen. Es waren damals einfach keine Holzstämme der geforderten Längen verfügbar. So wurde dann der teuere Werkstoff Stahl verbaut. Aus der Not wurde dann in Folge aber eine Tugend, wie so oft im Bergbau...
  Eingeschossig:
     
 
  einfaches Bockgerüst Hibernia I
     
 
     
     
 
     
     
 
    Spurlattenführung
     
   
  Seilführung  
     
  Zweigeschossig:
     
   
  Neu-Iserlohn II  
     
     
Pyramidengerüste:
 
Das Pyramidengerüst ist eine Weiterentwicklung des Bockgerüstes, da die Standsicherheit bei diesen oft nicht ausreichend war.
  Eingeschossig:
     
 
  Barillon (Julia)  
     
 
     
     
 
  Ver. Gideon - seigerer Schacht Hannibal I
     
     
Strebengerüste:
 
Das Strebengerüst ist wiederum eine Weiterentwicklung des Pyramiden- und des Bockgerüst und vereinigt die Vorteile beider in sich.
  Eingeschossig:
     
 
  abgespannten Stützen und Streben Tomson Bock
     
 
  Promnitz 1 Promnitz 2
     
 
  Promnitz 3 Werne II
     
 
  Beeckerwerth I Beeckerwerth II
     
 
  Saar Zschetsche
     
 
  Möller II Klönne
     
 
  Gehlen Humboldt
     
     
  Zweigeschossig:
     
 
  Elisabethenglück Herkules I
     
 
     
     
 
     
     
   
     
     
Doppelstrebengerüste:
  Eingeschossig:
     
 
  Alma III Deutscher Kaiser I
     
  Zweigeschossig:
     
 
    Zollverein IV
     
   
  Hannover II  
     
Profilbauweise:
     
Vollwandgerüste:
  Einstrebengerüste
  Die schwarz dargestellten Bereiche sind mit vollwandigen Profilen ausgeführt.
  Eingeschossig:
     
 
  Dörnen Dörnen 2
     
   
  Schwerin I  
     
  Zweigeschossig:
     
 
  Dörnen 2 Bonifacius II
     
   
  Friedrich-Heinrich III  
     
  Doppelstrebengerüste
     
 
  Zollverein XII Centrum VII
     
 
  Gneisenau IV Lohberg II
     
  Turmgerüste / Turmförderanlagen
     
 
     
     
 
  Wallsum I/II  
     
Kastenprofile:
  Einstrebenkastenprofil
  Die schwarz dargestellten Profile sind als Kastenprofile (hohl) ausgeformt.
  Eingeschossig:
     
   
     
  Zweigeschossig:
     
 
  Waltrop III Niederberg IV
     
 
  Grimberg IV Haus Aden VII "Golfschläger"
     
 
  Ewald II Kurl III
     
  Doppelstrebenkastenprofil
     
   
  Auguste Victoria VIII  
     

Hier nun meine Einordnung der gängigsten Formen der in Deutschland, speziell aber der im Ruhrgebiet errichteten Fördergerüste.

Beschreibungshilfe:

I. Etagenausführung
    eingeschossig
    zweigeschossig
     
II. Strebenausführung
    Zweistrebiges
    Dreistrebiges
     
III.a Strebenauslegung
    Einstreben
    Doppelstreben
     
III.b Bauformen
    Bockgerüste
    Pyramidengerüste
    Strebengerüste
    Turmgerüste
    Kastenprofilgerüste
     
IV. Bauweise
    Fachwerkbauweise
    Profilbauweise
     
V. Bauart
    Tomson
    Promnitz
    Saar
    Zschetsche
    Klönne
    Gehlen
    Humboldt
    Dörnen

Zusammengefügt enstünde daraus eine zugegeben, etwas komplizierte Beschreibung, diese wäre aber zumindest sehr genau! Zum Beispiel:

Ein eingeschossiges zweistrebiges Einstrebengerüst in Fachwerkbauweise nach der Bauart Promnitz.

Darüber hinaus (Pkt. VI.-XV.) kann noch nach:
Fördermaschinenenart (Koepe-, Bobinen- oder Trommelförderung); da hier die Auslegung der Seilscheibenbühne je nach Ausführung abweichen kann; sowie gerade in der Pionierphase des Ruhrbergbaus auch nach den Baumaterialien (Holz, Eisen [Stahl] später auch Beton) unterschieden werden. Auch wird die Seil- und Spurlattenführung, sowie die Förderart (Gestell- oder Skipförderung) mit ihren unterschiedlichen Bauarten verschieden ausgeführt. All diese Punkte können hier nur teilweise oder gar nicht berücksichtigt werden.

Desweiteren gibt es noch zahllose Varianten und Einzellösungen, deren Ausführung ich aber allen Beteiligten ersparen möchte. Diese würden den Umfang und sicherlich auch das Interesse der Besucher dieser Seite eindeutig sprengen... Wenn dies nicht schon längst geschehen ist!

Besondere Konstruktionsfeinheiten der Bauweisen sind daher nur für den Fachmann von Interesse, der sich detailliert mit den einzelnen Bauausführungen auseinandersetzt.

Die Riegel, Verbände, Fachwerke, Verstrebungen etc. der Bauformen werden in den Zeichnungen, der Übersicht halber, nur grob oder gar nicht dargestellt. Malakowtürme und Turmförderanlagen mit Turmförderung sowie Stahlbetonfördertürme werden hier nicht berücksichtigt, da diese strenggenommen eine Sonderform eines Fördergerüstes darstellen.

Eigentlich beschreibt der Begriff "Fördergerüst" ja eine Seilstützkonstruktion aus Holz oder Stahl mit dazugehöriger Flurfördermaschine.

Information zu den Darstellungen: Die Seilscheiben der Abbildungen werden immer ohne Seilauflage dargestellt. Die Förderseile, unter Ausnahme der Turmförder- und Doppelstrebengerüste sowie des Göpels, werden immer von "Rechts" aufgelegt. Eine Unterscheidung zwischen Trommel- oder Koepeförderung wird hier nicht getroffen. Auch wird der geläufige Begriff "Vollstrebengerüst" hier nicht gebraucht, da dieser ein Fördergerüst nur unzulänglich zu bezeichnen vermag.

Spezifische Fragen zum Thema "Seilstützkonstruktionen":

Frage : Warum haben die älteren Fördergerüste so hohe Aufbauten und Dächer, welche die Seilscheibenbühne oft weit überragen?

Antwort: Bevor es moderne Hochkräne gab, wurden die Seilscheiben mithilfe eines fest installierten Hebezeuges, welches eine feste Auflage (siehe Animation) benötigte, gewechselt. Deshalb werden diese Aufbauten auch Krangerüste (Kranbühnen) genannt. Die Dächer wurden erst mit dem Aufkommen der Hochkräne demontiert um einen problemlosen Seilscheibenwechsel zu ermöglichen. Diese Dächer waren zum Schutz des damals noch witterungsunbeständigen Materials gedacht. Es gibt verschiedene Ausformungen dieser Krangerüste, diese wurden je nach der Bauart und dem auf dem Betriebsgelände für den Seilscheibenwechsel zu Verfügung stehendem Platz (sowohl nach vorne, hinten oder zur Seite) geplant und ausgelegt. Der Begriff "Seilscheibe" rührt übrigens aus den Anfängen des Bergbaus her, da zuerst "Räder oder Scheiben" aus Vollholz zur Aufwicklung, Führung und/oder Umleitung des Förderseils verwendet wurden. Der Begriff "Förderrad" ist eigentlich auch möglich, dieser wird aber im Sprachgebrauch fast nicht genutzt.


schematischer Seilscheibenwechsel

Frage: Wo wird eigentlich der Unterschied zwischen "Förderturm" und "Fördergerüst" gezogen?

Antwort: Der oft verwandte Begriff "Förderturm" trifft eigentlich nur auf Bauwerke zur vertikalen Seilförderung eines Fördermittels zu, welche durch eine Seilstützkonstruktion aus Holz oder Stahl mit dazugehöriger Flurfördermaschine ausgerüstet ist. Hierbei ist der Begriff "Flurfördermaschine" ausschlaggebend. Dieser bezeichnet eine technische Apparatur (Fördermaschine) welche das Förderseil auf Boden- oder Hängebankniveau bewegt oder antreibt und durch die jeweilige konstruktive Bauart wieder umleitet. BlaBlaBla.
Grob kann man aber sagen, daß sobald keine Förderseile offensichtlich zu erkennen sind, es sich um einen Förderturm handelt. Eigentlich ist der Begriff "Turmförderung" eher passend, da dieser die Bauform der mit "Förderturm" gemeinten Anlagen deutlicher umschreibt....

Frage: Was ist eigentlich mit Malakowturm (Malakoffturm) gemeint?

Antwort: Eigentlich sind zwei Schreibweisen geläufig (Malakoffturm oder Malakowturm). Diese rühren aus dem Krim-Krieg 1855 her, bei dem die Festung Malakoff bei Sewastopol (Sebastopol, Sevastopol) durch das französisch-britische Expeditionskorps belagert wurde. Diese Festung wurde am 08.09.1855 durch das Korps eingenommen.

Die Festungswerke von Sewastopol wurden in starker Ziegelbauweise ausgeführt, die aber gegen die damals "moderne" Kriegsführung auf Dauer nicht bestehen konnte.

malakoff 1855
"La tour Malakoff", November 1855 von Jean-Charles Langlois
© RMN/B. Hatala
Quelle: link

Durch den Krimkrieg (1853-56), über den zum Zeitpunkt des Baus dieser Türme stetig in der Presse berichtet wurde, bürgerte sich in Deutschland der Begriff Malakoffturm (Malakowturm) schnell in den Sprachgebrauch ein. Eigentlich hat die imposante Bauweise der Türme kaum etwas mit der dieser Festung gemein (vgl. Bild), aber dafür ist dieser sehr einprägsam und wird noch 150 Jahre später gebraucht. Malakofftürme wurden oft in Ziegelbauweise ausgeführt, aber besonders im südlichen Ruhrgebiet fanden sich auch einige die aus Feld- oder Bruchsteinen erbaut wurden, da dieses Baumaterial dort einfach zu bekommen war. Die Einführung dieser speziellen Bauweise kennzeichnet den Übergang zum heutigen Tiefbau. Auf Grund fehlender Kenntnisse über die statisch und dynamisch wirkenden Kräfte wurde die herkömmliche schon lange aus dem Festungs- und dem Häuserbau bekannte Bauart gewählt, deren Verhalten auf Zug- und Entlastungskräfte sich zumindest bis dahin bewährt hatte.

Liste der erhaltenen Malakowtürme im Ruhrgebiet
  Schachtanlage Abteufung
1. Zeche Rheinpreußen I 1857-1879
2. Zeche Carl I 1856
3. Zeche Ewald I 1872-1875
4. Zeche Prosper II 1872-1875
5. Zeche Holland I Doppelschachtanlage 1856-1860
6. Zeche Holland II
7. Zeche Prinz Regent (Julius-Philipp I) 1875-1878
8. Zeche Hannover I 1857
9. Zeche Unser Fritz I 1871
10. Zeche Brockhauser Tiefbau 1874
11. Zeche Westhausen 1872-1873
12. Zeche Fürst Hardenberg 1874
13. Zeche Vereinigte Carolinenglück I 1847-1856
* Zeche Alte Haase 1897

Ob die als * aufgelistete Fördereinrichtung ein Malakowturm, oder nur eine gemauerte Gerüstverkleidung ist, überlasse ich den vielen Experten. Ein Besuch lohnt sich aber bei allen vierzehn!

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Gestell- und Skipförderung?

Antwort: Bei der Gestellförderung werden einzelne Förderwagen auf die Tragböden des Förderkorbes aufgeschoben und zutage gehoben. Die Skipförderung hat nur ein Gefäß anstatt des Förderkorbes, dieses wird automatisch befüllt und entlädt sich übertage selbständig. Die Vorteile der Skipförderung sind: Geringe Todlast (somit höhere Befüllung möglich), vollautomatisch, Pendeln möglich. Die Vorteile der Gestellförderung: Keine unnötige Zerkleinerung der Kohle durch Beladung (wichtig bei Nußkohlen), Korb kann auch zur Seil- bzw. Materialförderung genutzt werden.

Desweiteren gibt es noch folgende andere Förderarten: Mittels eines Förderberges (Gurtband in zutage gehender Strecke) oder Hydromechanische Förderung (Suspensionsförderung in einer Rohrleitung)


Gegenüberstellung: Gestellförderung und Skipförderung

Frage: Warum werden die Fördergerüste und Fördertürme immer höher?

Antwort: Die Bauhöhe ist abhängig vom Verwendungszweck. Gerüste und Türme die der eigentlichen Schachtförderung dienen, sind zum Teil siebzig oder mehr Meter hoch. Dies liegt an der Förderart, die natürlich pro Fahrt möglichst viel Fördergut transportieren soll. Daher werden bei Gestellförderung (Förderwagen) zur Zeit sechs oder mehr etagige Förderkörbe und zur Gefäßfördung ca. 20m hohe Skipgefäße eingesetzt. Um ein Skipgefäß zu entleeren, muss man es natürlich ganz zu Tage ziehen, bei Förderwagen genügt eigentlich das Rasenhängebankniveau. Daraus resultiert die stetig wachsende Bauhöhe. Gerüste, die als Befahrungseinrichtung für die Wetterführung genutzt werden oder nur für den Materialtransport oder der Seilfahrt dienen, sind in der Regel deutlich kleiner, da diese nicht die große Anzahl an Etagen (Förderkorbhöhe) benötigen.

Frage: Warum werden die Fördergerüste und Fördertürme nach der Stilllegung einer Schachtanlage zumeist abgebrochen?

Antwort: Dies hat zumeist ökonomische Gründe. Eine Instandhaltung ist viel zu teuer. Die Gerüste oder Türme müssen ja ständig gewartet und betreut werden um eine Gefährdung auszuschließen. So muss z.B. der Zugang für Unbefugte vermieden werden. Auch steht alle zwanzig Jahre ein neuer Anstrich an, um gerade bei älteren Gerüsten die Korrosion einzudämmen. Ganz vermeiden kann man diese dadurch aber auch nicht und über kurz oder lang sind teure Reparaturen fällig. Allein ein Einrüsten eines nur 35 Meter hohen Gerüstes verschlingt Unsummen, vom Sandstrahlen und der Grundierung sowie Anstrich mal ganz abgesehen...
Wer aber ein paar Groschen über hat, kann sich ein Gerüst welches zum Abbruch ansteht kaufen. Soweit mir bekannt, ist ein solches zum Schrottpreis zu erstehen. Leider kommen da aber mal schnell Hundert oder mehr Tonnen zusammen und das bei etwa 100.-€/Tonne (Schwerschrott/Trägerschrott) sowie der ein oder anderen gesetzlichen Auflage die natürlich auch eingehalten werden muß.

 

Frage: Welche Baumaterialien wurden und werden für Fördergerüste verwendet? Und warum dies?

Antwort: Zu Beginn des Tiefbaus wurden zumeist hölzerne Gerüste erbaut. Als diese der Fördermenge und den statischen Beanspruchungen mit der Zunahme der Teufe nicht mehr genügten, begann man sogenannte Malakowtürme aus Sandstein, Feldsteinen oder Ziegeln zu errichten. Diese, dem normalen Hausbau entlehnte Bauart, war aber nur eine Übergangslösung, da auch diese den rasant zunehmenden Beanspruchungen nicht gewachsen war. Mit dem Aufkommen des Stahls (Gußeisens) als Baustoff wurden ab etwa 1880 verschiedene Bauformen entwickelt. Heute werden fast ausschließlich nur Stahlkastenprofile oder Betonfördertürme erbaut, die der hohen Förderrate standhalten und zudem günstiger im verbauten Material und somit effizienter sind. Ältere Strebengerüste werden nur noch zur Materialförderung oder Befahrung eingesetzt, da diese den aktuellen enormen Belastungen und Pendelraten nicht mehr ausreichend gewachsen wären, sich aber eine Erneuerung nicht lohnen würde.